Louis Armstrong – Der die Beatles in den Charts überholte

Über den legendären Jazztrompeter Louis Armstrong schien alles gesagt, doch nun liefern zwei neue Biografien skurrile Anekdoten – zum Beispiel, wie die Stasi seine DDR-Tour überwachte.

Kein hundertster Geburtstag, kein vierzigster Todestag oder ähnliche Jubiläen. Einen aktuellen Anlass, über Louis Armstrong (1901-1971) zu schreiben, gibt es nicht. Dennoch sind zwei neue Bücher über die Jazzlegende erschienen. Sie erinnern daran, dass es einmal eine Zeit gab, in der ein Jazzmusiker gleichzeitig ein weltweit bekannter Schlagerstar sein konnte.
Was ist globale Popularität? Der Boxer Muhammad Ali konnte zu seiner Glanzzeit in einem sibirischen Dorf, einem südamerikanischen Slum oder auf einem afrikanischen Markt auftauchen – Menschen erkannten ihn sofort. Das gleiche galt für Armstrong. Als er am 6. April 1965 in Genthin, 60 Kilometer vor Magdeburg, aus einem Bus stieg, lief innerhalb von Minuten die ganze Kleinstadt zusammen. Kinder und Erwachsene baten den freundlichen „King of Jazz“ um Autogramme. Heute erinnert sich der Sohn des Kneipenwirts der „Grünen Kachel“, wie sein Vater „improvisieren musste“: Weil er zum Bier keine Bockwürste vorrätig hatte, besorgte er vom Fleischer um die Ecke Gehacktes für Louis Armstrong.
Tauschgeschäft – Jazz-Star gegen Antiquitäten

Die Episode erzählt der Journalist Stephan Schulz in seinem Buch über die DDR-Tournee der Armstrong All Stars – 17 Konzerte in Ost-Berlin, Leipzig, Magdeburg, Erfurt und Schwerin. Nach Genthin kam Armstrong unplanmäßig infolge des Kalten Krieges. Der Bundestag sollte am 7. April in West-Berlin zusammentreten, um Bonns Anspruch auf die alte Hauptstadt zu demonstrieren. Moskau betrachtete das als Provokation; als Gegenmaßnahme sperrten Sowjet-Truppen die Autobahn Berlin-Magdeburg-Helmstedt. Armstrongs Band-Bus musste über Landstraßen von Ost-Berlin nach Magdeburg zuckeln – und in Genthin eine Pause einlegen, weil der Motor heiß gelaufen war. Schockiert beobachteten Armstrong und seine Musiker den Aufmarsch russischer und ostdeutscher Soldaten rechts und links der Straßen und die riesigen Hubschrauber am Himmel. Ansonsten aber erlebten die US-Musiker die DDR von ihrer Schokoladenseite. Sie wurden wie Staatsgäste geehrt; die Menschen umjubelten die Amerikaner. „Immer, wenn ich an diese Tage zurückdenke“, erinnert sich die Sängerin Jewel Brown, „empfinde ich unsägliche Freude. Die Liebe und Achtung, die uns zuteil wurde, ist unbeschreiblich.“
Dass die Begeisterung für die Amerikaner Demonstrationen auslösen könnte, fürchtete die DDR-Regierung (die sich andererseits durch Armstrongs Besuch aufgewertet sah). In Leipzig mobilisierte die Stasi ihre Zuträger: „Da damit zu rechnen ist, dass der Auftritt Louis Armstrongs … zu Provokationen ausgenutzt wird, ist es erforderlich, das gesamte Netz der inoffiziellen Mitarbeiter auf diese Veranstaltungen hinzuweisen…“
Es gab keine „Provokationen“. Und am 31.12.1965 rechnete die staatliche Konzertdirektion für die Armstrong-Tournee einen Gewinn von 15.745,66 Ostmark ab; sie war neben dem Moskauer Bolschoi-Ballett das erfolgreichste Gastspiel des Jahres. Seine Dollar-Gage erhielt Armstrong vom Schweizer Werner Schmid, dessen Firma „Schmid Productions“ die Tour organisierte. Der umtriebige Geschäftsmann soll im Gegenzug die Erlaubnis erhalten haben, in der devisenschwachen DDR Antiquitäten und optische Geräte von Carl Zeiss in Jena zu erwerben. So beschreibt Stephan Schulz (Jahrgang 1972) in seinem Buch denn auch Verhältnisse in einem untergegangen Land. Zum Jazz-Freund, so erzählt er, entwickelte er sich erst während der zwei Jahre Recherche über die Armstrong-Tour.
Jede Menge Spaß beim Papst
Der Autor der anderen Armstrong-Neuerscheinung, Wolfram Knauer (Jahrgang 1958), schildert den Lebensweg des schwarzen Jungen aus den Rotlichtvierteln von New Orleans zu einem der größten Entertainer des 20. Jahrhunderts. Knauer erinnert daran, dass der Trompeter und Sänger mit seinen Titeln „Hello Dolly“ und „What A Wonderful World“ die Beatles und die Rolling Stones wochenlang von Platz 1 der Charts vertrieb. Als Leiter des Jazz-Institut Darmstadt zählt Knauer zu Europas führenden Jazz-Experten. Doch auch sein faktenpralles Büchlein im Oktavformat ist locker geschrieben und mit saftigen Anekdoten gewürzt. So habePapst Pius XII. bei einer Audienz Armstrong und seine Frau Lucille gefragt, ob sie Kinder hätten. Die Antwort des Musikers: „Nein, aber wir haben jede Menge Spaß beim Versuch.“
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