Photocredit: Jean Raclet

«Scham ist die Ozonschicht des Individuums.
Sie liegt wie eine Hülle um die Würde.
Wir bemerken sie erst, wenn es zu spät und die Verletzung erfolgt ist.»
(Jens Roselt)

Die Kölner Band Neufundland hat ihr zweites Album „Scham“ veröffentlicht.
Mit ihren wirklich sehr pointierten Texten, in denen sie sich mit zahlreichen aktuellen gesellschaftspolitischen Aspekten auseinandersetzen, sind sie im derzeit deutschsprachigen Indiepop ein sehr angenehmes Highlight.
Sei es Toxic Masculinity oder White Supremacy, Faktenverweigerung, das allgemeine Leben in der Überflussgesellschaft bis hin zur Verarbeitung des Kölner NSU Attentats.

Zum ganzen Album hat einer der beiden Sänger einen Essay verfasst, der den Albumtitel nochmals thematisch aufarbeitet und betrachtet:

Kein Gefühl beschäftigt uns so sehr wie die Scham. Kein Gefühl ist so omnipräsent und wird gleichzeitig totgeschwiegen, ist immer da, doch niemals wirklich sichtbar. Die Scham ist eine der stärksten Empfindungen überhaupt, sie zu vermeiden ist das höchste Gut unseres täglichen Handelns.
In einer Gesellschaft, die Freiheit für ihr Markenzeichen hält, ist Scham ein probates Mittel der Kontrolle und Regulierung. Die Beschämung als sozialer Akt arbeitet für den Mythos der freien Gesellschaft, denn Freiheit heißt ja: Wer keinen Erfolg verbuchen kann, ist selber schuld. Und so schämen wir uns für unsere Körper, für unsere Depressionen, für unsere schlecht bezahlten Jobs und für zu wenige Follower auf Instagram. Die Reaktion darauf ist Rückzug, unsichtbar werden, sich verhüllen, im Erdboden versinken. Weil wir die Scham vermeiden wollen, versuchen wir, ihr zuvorzukommen und der Norm zu entsprechen: nie schwarzfahren, nie nach Schweiß riechen und peinlich genau darauf achten, dass es immer Versager gibt, die schlechter sind als wir selbst. Die einen erstarren also in der Scham vor der Scham, während die anderen – die, die sich wirklich schämen sollten – niemals schämen für ihren Machismus, ihren Narzissmus, für hohle Sprüche über zu kurze Röcke, für Unmenschlichkeit.
Von der Scham zu sprechen heißt also von Machtverhältnissen und von Ungerechtigkeit zu sprechen. Der Soziologe Sighard Neckel hat einmal geschrieben: „Scham ist Wahrnehmung von Ungleichheit, Beschämung eine Machtausübung, die Ungleichheit reproduziert.“
Wer entscheidet, wofür ich mich zu schämen habe? Und können wir etwas daran ändern? Die Verhandlung dieser Fragen dient als thematischer Überbau für das zweite Album der Band Neufundland. Scham ist für Fabian Langer und Fabian Mohn der leitmotivische Bezugspunkt für ihre Texte und wird auf unterschiedliche Art und Weise in den Songtexten aufgegriffen. So reflektiert die erste Singleauskopplung «Männlich blass hetero» die eigenen männlichen Privilegien und thematisiert Toxic Masculinity. «Viva la Korrosion» ist ein düsterer, ironischer Abgesang einer bigotten Gesellschaft, die an den oben skizzierten Widersprüchen zu zerbrechen droht. Die dritte Singleauskopplung «Disteln» handelt von dem Bedürfnis unsichtbar werden zu wollen, aber gleichzeitig auch vom Streben standhaft und wehrhaft gegen neoliberale Imperative zu bleiben. Wenn Neufundland singt «Unkraut vergeht nicht, wir bleiben ewig», formulieren sie eine Ode an die Nutzlosigkeit, an die Nicht-Aktivierung im neoliberalen Sinne.
Auch wenn ein Song wie «Hochwassertouristen» durchaus grundsätzliche Kritik an den Lebensgewohnheiten der sogenannten «Generation Y» übt oder «Eine Nagelbombe später» vom institutionalisiertem Rassismus und den Verbrechen des NSU erzählt, lassen die beiden Fabiane dabei den mahnenden Zeigefinger zum Glück in der Hosentasche. Es geht Neufundland nicht um Besserwisserei, sondern um die Wiederentdeckung tiefschürfender, subversiver Themen des Pop. Wenn der Max-Giesingerische Wohlfühlpop das Wandern ausgetretener Pfade abfeiert, versteht sich «Scham» als angriffslustiger Gegenentwurf, als ausgefeilte Provokation. Eine hochstilisierte Gitarrenrockplatte – nie machohaft-breitbeinig, sondern immer verspielt und leidenschaftlich.

 

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Tourdaten:

15.06. Wolfenbüttel – Summertime Festival
12.-13.07. Straubenhardt – Happiness Festival
18.-21.07. Cuxhaven – Deichbrand Festival
01.-03.08. Elend bei Sorgen – Rocken am Brocken

11.10. Halle – Objekt 5
22.10. Dresden – Ostpol
24.10. Berlin – Badehaus
25.10. Hamburg – Molotow
26.10. Osnabrück – Kleine Freiheit
29.10. CH-Zürich – Dynamo
30.10. München – Ampere
01.11. AT-Wien – Rhiz
02.11. Passau – Zauberberg
13.11. Wiesbaden – Schlachthof
14.11. Erfurt – Engelsburg
15.11. Göttingen – Nörgelbuff
16.11. Köln – Gebäude 9

 

 

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